Das ist mein Revier!

Ich habe inzwischen ja schon ein Weilchen in Japan verbracht und festgestellt, wie ich mich verändert habe. Damit meine ich jetzt nicht meine 5 kg Hüftspeck, die ich im letzten halben Jahr draufgesetzt habe (verdammte Bäckereien hier), sondern meine Einstellung zu meinem Dasein in Japan.

Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern ist oder ob das auch auftritt, wenn man einfach in eine andere Stadt zieht, aber es gibt so ein paar Stadien, die ein großer Teil der Ausländer (besonders westlicher Herkunft) durchmacht, wenn er Japan mit etwas anderem als einem Touristenvisum betritt.

Es gibt schon einige lustige Artikel zum Thema „Ausländer in Japan“ oder „ausländerfreundliche Japaner“, die ich alle sehr amüsant finde und zum großen Teil auch bestätigen kann.

Wer sich für die Artikel interessiert, ich habe hier mal welche aufgelistet.

Five Types of Foreigners you will meet in Japan
Six types of Japanese people you’ll meet while living in Japan
The 10 Gaijin You Meet in Japan
The 5 Types of Conversations You Will Have in Japan

Wenn ich sowas lese, frage ich mich anschließend immer, wo ich mich einordnen würde. Dabei habe ich festgestellt, dass sich die Einordnung in verschiedene Phasen meines Lebens ändert. Dazu möchte ich nun ein bisschen was berichten

  1. Das erste Mal

Ich erinnere mich noch wirklich gut an das erste Mal in Japan. Meine Freundin und ich sind am Osaka Flughafen gelandet und ich weiß noch wie ich aus dem Flugzeugfenster sah und mir dachte „Heilige Scheiße, ich bin in Japan.“ Das war im April 2009, ich hatte gerade mein erstes Semester Japanologie hinter mich gebracht und war damit in der Lage, mir zumindest ein Reisbällchen auf Japanisch einzukaufen. Wir waren in einer Reisegruppe unterwegs, wobei wir einiges an Bewegungsfreiheit hatten, wodurch wir auf eigene Faust zu zweit vieles erkunden konnten.

Für mich war alles aufregend. Ich war sozusagen im siebten Himmel und sog jedes Detail und jedes Ereignis in mich auf wie ein verdurster Schwamm. Alles war witzig, seltsam oder, wie es sich für eine 20jährige Japan-Fanatikern sich gehört, gaaaanz wie erwartet, weil man hatte ja schon so viel darüber gelesen, etwas im TV gesehen etc. Natürlich haben wir damals in der Gruppe auch ziemlich geklugscheißert und unseren Gruppenführer damit vermutlich in den Wahnsinn getrieben. An dieser Stelle eine kurze Entschuldigung an den Herren.

Meine Freundin und ich hatten damals einen Notizblock dabei, in den wir unsere Eindrücke geschrieben haben. Ich habe diese Memos dann noch einmal abgetippt und in mein Tagebuch geklebt. Als ich im Januar wieder zuhause war, ist mir dieses Tagebuch in die Hände gefallen und ich habe mich gekringelt vor lachen.

Hach, ich hätte ein Foto machen sollen, um euch einen kleinen Ausschnitt daraus zu zeigen. Es war herrlich zu lesen, wie frisch und neu damals noch alles war. Nun sind die meisten Sachen davon kompletter Alltag für mich. Hach ja…

 

2. Mit dem Zweiten sieht man besser

Das zweite Mal waren wir dann im Sommer 2010 für zwei Wochen in Tokyo. Es war so…heiß. Meine Güte war es heiß. Letztens habe ich eine Klimastastik gesehen, in der stand, dass das seit langem der heißeste Sommer in Japan war.

Es war aber auch der bis jetzt für mich intensivste Urlaub, den ich je hatte. Wenn ich gefragt werde, was mein schönster Urlaub war, dann sage ich 2010 Japan.

Während wir beim ersten Mal mehr herumgereist sind, hatten wir dieses Mal zwei volle Wochen in Tokyo. Wir nutzen die Gelegenheit um alles zu erkunden, über das wir je gelesen hatten. Von historischen Orten bis zu TV Serien Schauplätzen. Wir hatten auch zwei deutsche Freunde hier, die uns manchmal an die Hand nahmen, sodass wir sogar in Roppongi eine Nacht beim Clubben waren. Meine Freundin war damals noch unter 20 und damit minderjährig in Japan, was uns kurz ins Schwitzen gebracht hatte, aber der Typ bei der Passkontrolle am Clubeingang war nicht die hellste Kerze auf dem Kuchen, sodass er sich mit dem deutschen Pass nicht weiter aufhielt.

Auch der zweite Urlaub war ein Tourismus-Urlaub, wobei unsere zwei Freunde schon längere Zeit in Japan gewohnt hatten und wir lieber ihnen dann die Klugscheißerei überließen. Sempai und so.

 

3. Auslandaufenthalt

Hier kommen wir nun in den Status des Sozialwandels.

Auslandsaufenthalt. Austauschstudent. KEIN Tourist.

Während die ersten Wochen noch vieles neu ist (ich musste mich vorher nie mit dem Waschmittelregal auseinandersetzen), so fängt man doch recht bald an, sich als Einheimischer zu fühlen. Das ist zwar recht absurd, weil jeder sofort registriert, dass man Ausländer ist, bei mir ja sowieso mit den blonden Haaren, aber der wichtige Punkt hierbei ist, dass man eben kein Tourist mehr ist. Man wooooohnt hier.

Ich komme öfters mal mit anderen Ausländern in das Gespräch über die soziale Abgrenzung hier und stelle fest, dass viele die selben Erfahrungen machen. Dabei geht es vor allem um das Aufeinandertreffen von zwei Ausländern, die folgende Muster aufweisen, wobei ich hier sagen muss, dass ich mich vorwiegend auf westliche (also nicht asiatische) Ausländer beziehe, da diese Beobachtungen auf meinen eigenen Erfahrungen beruhen:

A) Nicht-Tourist trifft auf einen Ausländer auf der Straße ohne Kommunikation:

  1. Abschätzung, ob der andere Tourist ist oder ansässig.
  2. Falls es sich um einen offensichtlichen Touristen handelt, wird er mit überheblichen Blicken gestraft. „Ich WOHNE hier, du nicht.“
  3. Falls es sich offensichtlich um einen Ansässigen handelt, wird er entweder gekonnt ignoriert oder, falls man ganz verrückt drauf ist, kurz genickt oder gelächelt

Meiner Erfahrung nach ist dieses Verhalten sehr häufig, wenn man erst 1-2 Jahre im Land lebt. Man versucht sich abzugrenzen, genießt seinen speziellen Gaijinstatus und fühlt sich potentiell von jedem bedroht, der diesen Status gefähren könnte.

B) Nicht-Tourist trifft auf Nicht-Tourist und unterhält sich. Es folgen folgende Fragen:

  1. Was machst du hier??
  2. Englischlehrer? War ja klar. (Niederes Volk)
  3. Nicht Englischlehrer? (Oh!Interessant)
  4. Was arbeitest du denn dann? (Expat oder Lokaler?)
  5. Sprichst du Japanisch? Nein? (Niederes Volk)

Ich denke, den höchsten Status kann man erreichen, wenn man die Sprache gut spricht und dazu noch einen gut bezahlten Job hat. Die Krönung dabei ist die Expat-Liga der Japanischsprechenden. Expat bedeutet hier, dass man in einer großen, ausländischen Firma im Ausland gearbeitet hat und nun für diese Firma nach Japan gezogen ist. Expats haben meistens sehr hohe Gehälter und bekommen von ihren Firmen viele Boni wie eine extrem teure, wenn möglich geräumige Wohnung im Herzen Tokyos. Die meisten Expats arbeiten allerdings so viel, dass sie von der schönen Wohnung nicht viel haben. Manche leben hier seit 3 Jahren und es schaut immer noch so aus, als wären sie erst letzte Woche eingezogen. Nichtsdestotrotz ist das die Königsklasse.

Auch hier wird der eigene Sozialwert ausgetestet. Sprachkenntnisse? Aussehen (also Marktwert)? Gehalt? Alter?

Andere Ausländer werden nicht als Freunde oder Gleichgesinnte wahrgenommen, sondern als Rivalen. „Du nimmst mir meinen Gaijin-Platz in der Zielgruppe weg“.

Das sind so meine Haupterfahrungen, die ich während meines Austauschjahrs und auch danach häufig gemacht habe. Dabei geht es allerdings nur um Aufeinandertreffen von zwei Fremden, die keine gemeinsamen Freunde haben. Sobald man in näheren Kontakt getreten ist, verliert sich diese Rivalität stark. Das obrige Verhalten bezieht sich häufig auf sehr flüchtige Momente, hauptsächlich ohne große bis gar keiner Kommunikation. Sehr schön geobachten kann man das z.B. in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Straße.

 

4. Arbeiten in Japan

Ich war zwar zwischen meinem Auslandsaufenthalt und meinem Arbeitsbeginn noch für ein Praktikum und zum Urlaub hier, aber da galt das gleiche wie oben. Daher mache ich nun einen Sprung zu meiner jetzigen Situation und komme auf meinen Anfang dieses Eintrags zurück.

Ich merke, dass ich mich verändert habe.

Ich gebe zu, auch ich habe abgegrenzt und strafende Blicke gesendet. Da müsste ich jetzt lügen, wenn ich sage, ich wäre ein sozialer Engel und behandle alle Leute immer gleich und ohne Vorurteile.

Allerdings merke ich in letzter Zeit, wie ich deutlich gelassener werde. Fremde Ausländer stellen (meistens) keine Bedrohung meines Statuses mehr da. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen so viele Menschen hier getroffen habe und so viele Bekannte und auch Freunde habe, dass ich nicht mehr um irgendetwas kämpfen muss.

Wenn ich also nun z.B. auf Ausländer in meiner Lieblingsbar treffe, in der sich übrigens viele Touristen tummeln, dann bin ich inzwischen eher neugierig. Ich quatsche sie an, wenn sie irgendwie verloren in der Ecke stehen und frage sie, wer sie sind, was sie hier machen und wie es ihnen gefällt. Die meisten Touristen sind dankbar, wenn man ihnen hilft, weil sie etwas nicht lesen können oder völlig verwirrt vor der Zuganzeige stehen (eine meiner Lieblingsbeschäftigung – Touristen den Weg zeigen).

Ich rege mich inzwischen auch nicht mehr darüber auf, wenn Japaner krampfhaft versuchen, mit mir auf Englisch zu reden, obwohl ich sie auf Japanisch anrede. Früher hat mich das zur Weisglut getrieben. Nun ist es mir meistens egal. Manchmal wechsel ich dann die Sprache auf Englisch, manchmal bin ich resistens und rede auf Japanisch. Aufregen tut es mich nicht mehr. Zu oft erlebt, genügend darüber reflektiert. Mei, die Person will halt üben oder sie kann einfach nicht anders bei meinem Anblick. Was solls.

 

Einige von euch, die das hier lesen, waren schon selbst hier oder leben hier. Habt ihr die gleichen Erfahrungen oder treff ich nur alle die komischen Leute? Hat man ähnliche Erfahrungen auch in anderen Ländern, wenn man dort hinzieht? Ich würde mich über Meinungen freuen.

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3 Gedanken zu “Das ist mein Revier!

  1. Das erste was mir dazu einfällt ist ein Gespräch, dass ich vor kurzem mit einer der hier ansässigen Englischlehrerinnen über das „Ausländer nicken“ geführt hatte. Mir war in meiner ersten Woche hier ein nicht-Japaner begegnet, den ich nicht kannte. (Dazu muss man jetzt bedenken, dass es hier nicht viele „Westler“ gibt und sich eigentlich alle kennen.) Mein einziger Gedanke dazu war, dass, wenn es jemand ist der gemeinsame Bekannte hat, ich ihm schon noch kennen lernen werde. Wenn nicht, dann nicht. Aufgefallen ist er natürlich, aber dennoch habe ich keinen Grund gesehen ihm zuzunicken, auszusprechen oder was auch immer. Ist ja schließlich niemand den ich kenne und nur das er westlich aussieht ist ja eigentlich kein Grund.
    Die Amerikanerin mit der ich gesprochen habe war ganz erstaunt „Du hast ihm nicht zugenickt? Ich mache das immer.“
    Aber ich nicke doch auch nicht jedem Japaner hier zu ….
    Wobei ich zugeben muss, dass relativ oft zumindest ein こんにちは ausgetauscht wird, wenn man an gewissen Orten (Tempel, Park etc…) Leuten (besonders älteren oder potenziellen Arbeitskollen) begegnet. Aber das liegt eben auch an der kleiner Größe der Stadt hier.

    Was englisch angeht hab ich es sehr selten erlebt, das mir auf eine japanische Frage english geantwortet wird. Wenn jemand freundlich Fragt, ob englisch OK wäre, dann ist es das auch – solange man komplieziertes notfalls dann doch nebenbei auf Japanisch klären kann und das Gesprächsniveau durch fehlende Sprachkenntnisse nicht sinkt. Dann hat das ganze auch Lerneffekt.

    Ein einziges Mal hatte ich damit wirklich ein Problem. Ich musste in Ikebukuro umsteigen, hatte es sehr eilig und war mir beim Weg nicht sicher. Am schnellsten ist dann eigentlich immer einen Mitarbeiter zu fragen. In dem Fall wollte er aber einfach nicht auf japanisch Antworten und sein englisch war komplett unverständlich. Er hat dann erst japanisch gesprochen als ich ihm auf japanisch erklärt habe, dass ich kein englisch könne, weil ich nicht aus Amerika etc bin. … Hätte fast meinen Zug verpasst weil er da so sturr war x.x
    Aber das war tatsächlich eine einmalige Sache.

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    1. Das mit dem Ausländer-Nicken hab ich auch schon öfter gelesen. Wenn ich in Tokyo auf der Straße unterwegs bin, dann tue ich das eigentlich nicht. Wenn ich was tue, dann vielleicht lächeln, wobei das immer irgendeinen bestimmten Grund hat, der dann auch in ein Gespräch führt.

      Der einzige Ort, wo ich das Nicken selbst erlebt habe, war im Fitness Center hier. Da ist das irgendwie auch ok.

      Das mit dem Englisch hab ich hier öfter. Am Dienstag erst wieder in der Apotheke. Die Dame hatte extra noch im Internet nachgeschaut, was „Wenn das Fieber steigt“ auf English heißt und es auf ein Memo geschrieben, was auf meiner Akte klebte. Das war irgendwie süß. Ich glaub, sie war aber sehr erleichtert, dass sie sich sonst auf Japanisch mit mir unterhalten konnte, wobei ihr Händegefuchtel deutlich gemacht hat, dass sie sich nicht sicher ist, ob ich sie verstehe.

      Immer wieder schön 😉

      Bei dir im schönen Inaka gibt es wohl nicht mehr als 10 ausländische Hansel. Da ist man solidarischer als hier.

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