Ausflug ins Land der Geister

Man hat ja allgemein das Bild vor Augen, dass Japaner immer nur arbeiten würden und nie frei hätten. Das Japaner viele Überstunden machen und deutlich weniger Urlaubstage haben als wir, ist korrekt, dafür haben sie aber öfter mal mehrere Tage hintereinander aufgrund von Feiertagen frei. Eine dieser Langstrecken-Urlaube ist Ende April – Anfrang Mai und diese Woche wird in Japan als „Golden Week“ bezeichnet.

Ich habe daher die Chance genutzt und bin mit ein paar Freunden nach Tono in der Präfektur Iwate gereist.

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Tatsächlich war ich noch nie soweit nördlich bis jetzt.

Tono ist berühmt für seine Folklore und Geistergeschichten. 1906 hat der Schriftsteller und Ethnologe Kunio Yanagita (柳田 國男) das Werk „Tono Monogatari“ (遠野物語) verfasst, welches in Japan sogut wie jedes Kind gelesen hat, und so ziemlich sämliche Geschichten und Märchen aus dieser Region beinhaltet.

Das berühmteste Fabelwesen für Tono bzw. in ganz Japan ist der Kappa (河童), ein Gurken liebender Wasserdämon.

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In Tono findet man daher überall Kappa – auf Straßenschildern, in Restaurants, als Stadtmaskottchen etc. Man kann in Tono sogar eine offizielle Kappa Fanglizenz für ca. 2 Euro erwerben, die es einem erlaubt, Kappa am Kappateich zu fangen. Das habe ich natürlich sofort gemacht 😉

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Steven und ich mit unserer Kappa-Lizenz!

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Der Kappa hat angebissen! Ziiiiiiieh!

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Am Kappa Teich

Wir waren aber natürlich nicht nur Fabelwesen fangen.

Der Vater meiner Freundin Mariko ist seit einem Jahr in Tono beruflich ansässig. Er arbeitet dort mit den lokalen Farmern und offiziellen Stellen zusammen daran, die Iwateregion für Touristen, Firmen und auch Einheimische attraktiver zu machen. Wie ihr wisst hat 2011 ein Erdbeben und ein riesiger Tsunami im Norden Japans viel Schaden angerichtet und auch die Küstenregionen von Iwate wurden schwer verwüstet. Allerdings gab es schon vorher das Problem, dass die meisten jungen Leute die Region verlassen,um in den Ballungszentren zu studieren und zu arbeiten. Rund 80 Prozent der Jugendlichen verlassen Iwate, weil es sowohl an der Infrastruktur als auch an freizeitlichen und beruflichen Anreizen mangelt. Das typische Stadt-Land-Problem.

Lange Geschichte, kurzer Sinn: Wir kamen nach Tono als einfache Touristen und lernten schnell, dass wir einem höheren Zweck dienen sollten. Marikos Vater chauffierte und in einem großen Mietwagen von einer Attraktion zur nächsten und befragte uns dabei ausführlich, was wir davon hielten, was wir besser machen würden und welche weiteren Ideen wir für eine Verbesserung der Gegend hätten. Neben einem stricken Zeitplan wurden wir so geistig und kreativ gefordert. Da alle teilnehmenden Personen beruflich sehr ambitioniert sind, mehrere Sprachen sprechen und internationalen Background haben, waren wir als Informationsquelle sehr willkommen. Nebenbei wurden wir dann auch noch für eine bisschen Sprachaustausch mit zwei High School Schülerinnen hergenommen.

Dank dieses ausgeklügelten Plans für unsere drei Tage (bzw. zwei Tage) hatten wir die Gelegenheit zu lernen wie japanischer Sake (japanischer Schnaps) hergestellt wird, welche Fabeln für die Region berühmt sind, wie die Häuser dort früher ausgesehen haben, wer die besten Spaghetti im ganzen Land macht (ich schwöre, dass waren die besten Spaghetti, die ich je gegessen habe), wo man Kappa fangen kann und wie der Wiederaufbau in der Küstenregion voran geht. Das waren drei erfüllende Tage.

Nebenbei hatten wir mal wieder die Möglichkeit auf Tatami in einem Futon zu schlafen, was ich persönlich sehr liebe. Ich schlafe darin immer wie ein Baby 🙂

Und ich muss sagen, die Luft auf dem Lande ist halt wirklich was anderes. Tokyo und Kawasaki sind jetzt nicht so voller Smog, dass ich am liebsten mit einer Maske rumlaufen möchte, aber ich merke jedes Mal, wenn ich aus dem Ballungszentrum rauskomme, dass die Luft deutlich schlechter ist. Umgeben von Bäumen und Reisfeldern – das ist halt doch was Schönes! Haaaaaach.

PS: Noch ein letztes Highlight dieser Reise – während meines Grundstudiums habe ich in einem der Literaturseminare über das berühmteste Werk von Kenji Miyazaki 宮沢 賢治 ein Referat gehalten (Das Buch heißt Ginga Tetsudou no Yoru 銀河鉄道の夜). Miyazaki stammt aus Iwate, sodass es dort überall Sachen mit seinen Werken zu kaufen gibt. In seiner Heimatstadt Hanamaki gibt es zudem ein Museum, aber leider haben wir es nicht dorthin geschafft. Durch Glück und Zufall war es uns aber vergönnt, in Tono eine echte Dampflok mit dem Design zu seinem Buch zu sehen. Das Gefühl, dass ich in der Uni etwas gelernt habe, ist immer ein tolles Erlebnis 😉

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