Über Gott und die Welt

Wie auch die letzten Male als ich in Tokyo gewohnt habe, lebe ich wieder in einem Share House. Nicht alleine zu wohnen hat sowohl Vorteile als auch Nachteile, die ich zumindest in diesem Eintrag nicht weiter erörtern werde, aber einen positiven Aspekt möchte ich heute hier teilen – der Austausch von Meinungen und kulturellen Unterschieden.

In meinem Share House leben neben vielen Japanern auch andere Ausländer, vor allem aus Asien (um genau zu sein eigentlich nur aus Asien. Ich bin die einzige aus „dem Westen“). Als ich das erste Mal länger im Gemeinschaftsraum war, habe ich mich mit einigen meiner Mitbewohner zum ersten Mal unterhalten. Relativ bald fragte mich meine Mitbewohnerin aus Indonesien, wie denn die Situation für Muslime in Deutschland sei und ob dort auch das Thema „IS Terror“ debattiert wird. Im ersten Moment habe ich sie etwas irritiert angeschaut. Das war jetzt nicht unbedingt das erste Gesprächsthema, das ich gewählt hätte. Zudem war ich auch komplett verblüfft, dass sie mich zur Situation der Muslime befragte. Im darauffolgenden Moment ist mir dann eingefallen, dass der Islam die vorherrschende Religion in Indonesien und mein Gegenüber demnach  wohl Muslimin ist. Ich erzählte ihr also, welche Meinungen es zu diesem Thema gab und was für Probleme vorherrschten.

Irgendwann im Gesprächsverlauf meinte sie dann, dass sie dann wohl besser erstmal nicht nach Deutschland fliegen sollte. Ich schaute sie daraufhin an und meinte:“Ich glaube nicht, dass du Probleme bekommen würdest. Du schaust asiatisch aus und trägst kein Kopftuch. Damit entsprichst du nicht dem typischen Image. Keiner wird dich für eine Muslimin halten.“

Als ich das sagte, bemerkte ich aufs Neue, dass Menschen in Schubladen denken – mich miteingeschlossen. Es ist wirklich furchtbar, dass wir so einfach Schubladen aufmachen, aber es wird sich nicht vermeiden lassen. Wir ordnen so unsere Welt. Allerdings ist hierbei wichtig, dass wir uns immer wieder bewusst machen, dass wir ein Schubladendenken besitzen und diese Schubladen bei jeder möglichen Gelegenheit aufräumen sollten.

So ergab es sich letzte Woche, dass ich wieder mit meiner muslimischen Mitbewohnerin ins Gespräch kam. Ich stand gerade am Herd als sie halbverhungert in die Küche kam und mir erklärte, dass sie den ganzen Tag nichts gegessen hat. Ich fragte sie, warum sie denn nichts gegessen hat und sie erklärte mir, dass gerade Ramadan (neunter Monat nach dem islamischen Kalender) ist und sie deswegen gerade tagsüber nichts essen darf. Ich wusste, dass Muslime während des Ramadan fasten, aber mir waren die Umstände nicht ganz klar. Damit begann ein Gespräch über 2-3 Stunden über den Ramadan, warum Mohammed vier Frauen hatte, die christlichen Feldzüge durch die Welt, den Papst, das Tragen von Kopftüchern, der religiöse Sündekatalog, der Ursprung der Bibel und des Korans, wann der erste Tag des islamischen Kalenders war und so weiter und so fort.

Es war eine wirklich spannende Unterhaltung und wir haben viele neue Aspekte der jeweils anderen Religion kennengelernt.

Gleichzeitig waren wir beide über die momentane Situation der Welt schockiert. Ich habe erfahren, dass viele Muslime aus Krisengebieten, versuchen nach Indonesien und Malaysia zu kommen und dort das gleiche Problem vorherrscht wie in Europa. Flüchtlingsboote, Ausbeutung durch Schmuggler und die große Verzweiflung jener, die sich auf diese Schiffe trauen.

Es ist traurig, dass viele Verbrechen der Welt im Namen irgendeiner Religion durchgeführt werden. Sei es der christliche Feldzug oder die Terrorattacken des IS. Im Kern geht es doch nie um die Religion, sondern um Macht. Religiöse Auslegungen geben einfach nur eine sehr praktische und einfache Möglichkeit der Legitimation und durch eine schwammige Auslegung lassen sich fast alle Handlungen irgendwie rechtfertigen.

Wir sollten daher nicht vergessen, dass es nicht Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, etc. sind, die Kriege führen, sondern Menschen mit schlechten Motiven, die mit der Religion nichts zu tun haben. Schubladen sind praktisch, aber gefährlich. Sie beweisen, dass wir nicht genug reflektieren, nachdenken, nachforschen und hinterfragen. Es gibt nicht „den Christen“, „den Amerikaner“, „den Muslim“, „den Schwarzen“, „den Asiaten“, „den Schwulen“.

Es gibt nur „den Mensch“.

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