Rushhour in und um und um Tokyo herum

Ich denke, dass die meisten von euch schon einmal das Gerücht gehört haben, dass die morgendliche Rushhour in Tokyo beispiellos ist. Nun, ich möchte hiermit dieses Gerücht bestätigen. ES IST WAHR!

Bevor ich näher darauf eingehe, kann ich euch aber gleich beruhigen. Ich habe Glück, denn es gibt auch Züge, die nicht so schlimm sind und meiner ist zufälligerweise einer davon. Ich habe gleich am zweiten oder dritten Tag zufälligerweise genau diesen Zug genommen und mir noch gedacht „Hey, so schlimm ist die Rushhour ja gar nicht!“. Nun, da wusste ich noch nichts von den Zügen vor und nach meinem.

Hier muss ich erst einmal grundsätzlich erklären, dass es verschiedene Zugtypen gibt. Manche halten an JEDER Haltestelle, manche nur an ein paar und die ganz schnellen Züge halten an noch weniger. Grob gesagt. 😉

An meinem ersten Tag habe ich den langsamen Zug genommen, der an jeder Haltestelle hält (普通 = futsuu). Dann habe ich verstanden, dass man erst einmal in einen schnellen Zug einsteigt und dann bei der letztmöglichen Gelegenheit auf den langsamen wechselt. Die Züge kommen morgens im 2-3 Minuten Takt und so muss man schon aufpassen, dass man den richtigen Zug nimmt. Um Verwechslungen vorzubeugen, sind alle Zugtypen auch immer farbig unterlegt (siehe Bild) und oben wird auch noch dargestellt, wo der nächste Zug überall hält (im Bild ist der nächste Zug der Bummelzug und somit blinken alle Lampen).

Wie gesagt, am 2-3 Tag habe ich verstanden, dass ein schnellerer Zug die bessere Wahl ist und bin in den grünen Zug gestiegen, weil ich den roten, der vorher gefahren ist, verpasst hatte. Dieser spezielle, grüne Zug fährt nur bis Shinagawa während fast alle anderen Züge weiter fahren und oft auch zwischen Kawasaki und Shinagawa Bahnhöfe anfahren. Da ich aber eh nach Shinagawa wollte, war das in Ordnung. Ich habe dann noch einen Tag später festgestellt, dass ich in Shinagawa einfach in einen Bummelzug steigen kann, um eine Haltestelle zurückzufahren. Perfekt!

Nun, es kam aber der Tag, an dem ich gut fünf Minuten früher dran war als sonst, und somit meine grünen Zug nicht abwarten wollte. „Hey, nimmst heute einen anderen Zug! Kommen ja ganz viele schnelle!“, hab ich mir gedacht. Was ich nicht wusste ist, dass die Züge vor und nach meinem grünen Zug komplett überfüllt sind. Ich stand also da am Gleis und dachte mir beim ersten Zug noch „Ne, den nimmst du nicht. Da quetscht du dich nicht rein.“ Als der zweite kurz darauf kam und genauso aussah, hatte ich keine Wahl mehr. So begab ich mich in die Schlange und wurde wie von einem Sog in den Zug gezogen. Meine Tasche hing irgendwo eingeklemmt hinter mir zwischen zwei Japanern und meine Füße versuchten, eine freie Stelle am Boden zu sichern. Dummerweise hatte ich an diesem Tag Ballerinas an und prompt stieg mir irgendjemand auf den Fuß. Die Stelle tut immer noch weh. Da frag ich mich ersthaft, was all die Japanerinnen in ihren Schühchen morgens machen. Hauen die mit ihren Highheels anderen auf den Zeh oder haben die heimlich Stahlplatten im Schuh? Mein Gedanke war auf jeden Fall, dass ich nur noch mit Springerstiefeln in so einen Zug steige (zumindest, wenn ich die Wahl habe).

Nun gut, ich war also im Zug, meine Tasche anscheinend auch, denn irgendwas zog an meiner Schulter und ich schaffte es irgendwie meinen Ellenbogen aus dem Gesichtsfeld eines Japaners neben mir zu ziehen. Los ging die Fahrt! Es wackelte, es schaukelte, man stieg mir auf den Fuß und dann wurde wieder gehalten. Ich stellte fest, dass der Zug an mehr Haltestellen hält als mein normaler Zug. Die Tür ging auf und ein Sog nach draußen wurde gebildet. Verzweifelt versuchte ich seitlich dagegen zu schwimmen, um nicht aus dem Zug gezogen zu werden. Ein erbitterter Ellenbogenkampf entbrach. Dann wechselte die Sogrichtung und es kamen neue Leute in den Zug. „Mein Gott, wie machen die das jeden Tag!“ Irgendwie bin ich dann heil aus dem Zug gekommen und in den nächsten, deutlich weniger überfüllten Bummelzug gestiegen. Im Endeffekt kam ich dann zur gleichen Zeit in der Arbeit an wie mit meinem normalen Zug 10 Minuten später. Hat sich ja total gelohnt…..Fazit des Tages: Der frühe Vogel kann mich mal!

In den Zug geschoben wurde allerdings niemand, soweit ich das sehen konnte. Die letzten Verzweifelten, die auch noch unbedingt in den bereits zum Bersten gefüllten Zug wollen, drehen sich mit dem Gesicht nach außen und klemmen sich mit den Fußsollen gegen den Türspalt. Oben halten sie sich mit der Hand am Türrahmen fest und drücken mit dem Körper nach innen, in der Hoffnung, dass nichts eingeklemmt wird. (siehe das Bild zum Eintrag)

Tatsächlich ist das bei japanischen Zügen eine Gefahr. Heute habe ich beobachtet, wie die Handtasche einer Frau ein Stück in der Zugtür eingeklemmt wurde, aber die Tür ist nicht wieder aufgegangen. In der Münchner U-Bahn wäre solch eine Aktion nicht möglich, da die Türen bei Widerstand wieder aufgehen. Nicht so hier. Der Zug fuhr los und die Handtasche tat mir leid.

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